Zur Erfassung und Bewertung des Bewegungsraums im Rahmen einer Bedarfsanalyse existieren verschiedene validierte Instrumente. Die Nutzung solcher Erhebungsbögen sichert ein Mindestmaß an wissenschaftlicher Qualität im Erhebungsprozess. Die Themen der Erhebungsbögen sensibilisieren für bewegungsfördernde Aspekte der Stadtplanung. Die Antwortgrafiken sind eine gute Argumentationshilfe gegenüber lokalen Entscheidern.
Ergebnisse aus der BeBeQu-Anwendung
Im BeBeQu-Projekt wurden die nachfolgenden Erhebungsbögen praktisch angewendet. Aus dieser spezifischen Praxiserfahrung resultieren die nachfolgenden projekteigenen Einschätzungen, die keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben. Die hier vorgestellten Instrumente sind unkompliziert und kostenfrei über den Impulsgeber Bewegungsförderung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung nutzbar.
Validierte Erhebungsbögen
ALPHA
Assessing Levels of PHysikal Activity and fitness at population level
Zielsetzung
Aufbau/Funktionsweise des Instruments
Vorteile
- Die Befragung ist anonym, in selbst gewähltem Setting der Befragten und ohne Zeitdruck möglich
- die Antwortgrafiken lassen sich durch den Online-Auswertungsservice des Impulsgebers Bewegungsförderung automatisch erstellen oder sind alternativ mit Excel-Grundkenntnissen selbst visualisierbar
Nachteile
- ALPHA misst individuelle Wahrnehmungen, kartografiert keine Fakten (im Sinne von: welcher Sachverhalt wo genau)
- räumliche Grenzen des Untersuchungsgegenstands nur vage definierbar, da es sich immer um die unmittelbare Wohnumgebung des/der Befragten handelt
- Missverständnisse im Antwortverhalten durch regional/altersspezifisch unterschiedlichen Sprachgebrauch möglich („Fußgängerzone“, Gehsteig vs. Gehweg, „Fast Food Restaurant“)
- Fehlende Referenzrahmen zur Einordnung des Antwortverhaltens im Sinne einer veränderten Stadtplanung
WRATS
„Walking Route Audit Tool“
Zielsetzung
speziell für ältere Menschen entwickeltes Beobachtungsprotokoll zur Wahrnehmung einer vorab definierten Route
Aufbau/Funktionsweise des Instruments
6 Untersuchungskriterien in 46 ordinalskalierten sowie zwei offenen Fragen
Vorteile
- Die Grenzen des Untersuchungsgegenstands (eine festgelegte Route wird protokolliert) sind eindeutiger definiert als im Vgl. zu ALPHA
- es werden konkrete Parameter entlang der Strecke abgefragt (Vorhandensein von Ampeln, Zebrastreifen, Fußgängerinseln usw.)
- Skalenniveau ist im Vgl. zu ALPHA weniger komplex und einheitlich
Nachteile
- Antworten verweisen lediglich auf Existenz/Nicht-Existenz der erfragten Gegenstands entlang der Strecke, ermöglichen aber keine genaue Lokalisierung von z. B. (fehlenden) Zebrastreifen, Ampeln etc.
- einzelne Fragen zielen auf mehrere Aspekte gleichzeitig: methodisch erschwerte Erkenntnis
- Gesamtbewertung der Parameter ist nicht während, sondern erst im Nachgang einer Begehung möglich, da sich die Fragen zum Vorhandensein bestimmter Untersuchungsgegenstände auf die gesamte Route beziehen
STADTRAUMMONITOR
deutsche Version des schottischen „Place Standard Tools“
Zielsetzung
Aufbau/Funktionsweise des Instruments
Vorteile
- sofortige Darstellung einer visuell gut erfassbaren Antwortgrafik (individuelle + gruppenbezogene Auswertung möglich)
- skalierte Wahrnehmungen können durch Kommentare konkretisiert werden (= Teil der automatischen Auswertung)
- räumliche Grenzen des Untersuchungsgegenstands können vorab vom Administrator über Gruppencodes konkreter definiert werden
- Der „Lebenswert“ einer Umgebung wird auch definiert durch immaterielle Werte wie Identität/Zugehörigkeit; Beteiligungsmöglichkeiten
- Das breite Skalenniveau (1-8) ermöglicht Feinabstufungen im Antwortverhalten
Nachteile
- Onlinetool ist v.a. für ältere Personen nicht niedrigschwellig (Fragebogen kann zwar ausgedruckt werden, dann ist jedoch keine sofortige Auswertung möglich)
- Instrument ist sehr textlastig (viele Erklärungen)
- Einsatz im öffentlichen Raum erfordert anspruchsvolle technische Ressourcen, z. B. ein Smart Board bzw. Ausstattung der Befragten mit mobilen Endgeräten
- Fragestellungen des Stadtraummonitors fokussieren nicht spezifisch auf ältere Menschen (z. B. Fragen zu Arbeit, Ausbildung)